Aktiv durch den Büroalltag

EFFIZIENZ DURCH ERGONOMIE


Bis zu 14 Stunden – so lange verbringen Erwachsene mit Bürojob täglich sitzend. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass der Tag nur 24 Stunden hat und der Mensch davon allein zwischen sechs und acht Stunden schläft. All die Viel-Sitzer haben berechtigten Grund zur Sorge: Denn Bewegungsmangel und falsche Haltung sind auf lange Sicht nicht eben förderlich für die Gesundheit. Kein Wunder also, dass sich eine ganze Wissenschaft entwickelt hat, die sich mit der Verbesserung der Arbeitssituation befasst: Ergonomie – die Anpassung der Arbeitsbedingungen an den Menschen.

Was in unserer computerdominierten Gesellschaft zu einem echten Buzzword geworden ist, hat seinen Ursprung tatsächlich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals etablierte der polnische Wissenschaftler Wojciech Jastrzebowski Ergonomie als wissenschaftlichen Ansatz, um „aus diesem Leben die besten Früchte bei der geringsten Anstrengung mit höchster Befriedigung für das eigene und allgemeine Wohl [zu] ernten.“ Heute verfolgt die Disziplin das Ziel, die Arbeitsumgebung für – unter anderem – Büroangestellte so angenehm wie möglich zu gestalten und die gesundheitliche Belastung auf ein Minimum zu reduzieren. Inzwischen finden sich die ergonomischen Grundsätze sogar in einer eigenen DIN-Grundnorm wieder.

Von einem Modewort kann also keine Rede sein. Heute sind ergonomische Optimierungen eine anerkannte Methode, um die Bedingungen im Büroalltag zu verbessern. Und davon profitiert nicht nur jeder einzelne Arbeitnehmer. Auch für die Arbeitgeber lohnt es sich, auf ein ergonomisches Umfeld zu achten.

ZUFRIEDENE ARBEITNEHMER KOMMEN GERNE INS BÜRO

Arbeitnehmer können aus ergonomischen Maßnahmen gleich zwei wesentliche Vorteile ziehen. Zum einen steigern sie das allgemeine Wohlbefinden. Gut die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland – also mehr als 20 Millionen Menschen – arbeitet an einem Schreibtisch. Und zwar überwiegend Vollzeit im Sitzen. Für viele von ihnen hat der Job einen hohen Stellenwert, ist die Zeit im Büro wichtige Lebenszeit. In ein Büro zu kommen, das auf individuelle Bedürfnisse der Arbeitnehmer ausgerichtet ist, erleichtert das Arbeiten. Auch, weil die Arbeitnehmer durch ergonomische Maßnahmen Wertschätzung und Respekt ihrer Arbeitgeber erfahren – das Wohl der Belegschaft liegt dem Unternehmen am Herzen. Zum anderen fördert Ergonomie ganz konkret die Gesundheit jedes einzelnen, er hat weniger orthopädische Beschwerden und ist weniger häufig krank. Und das ist nicht zu unterschätzen. Denn immerhin haben 80 Prozent derjenigen, die vor dem Bildschirm arbeiten, regelmäßig gesundheitliche Beschwerden.

ERGONOMIE RECHNET SICH AUCH FÜR DIE ARBEITGEBER

Indem ein Unternehmen das Wohlergehen des Personals hoch priorisiert, präsentiert es sich auf dem Markt auch als attraktiver Arbeitgeber und hat dadurch einen wesentlichen Vorteil im Kampf um die begehrten Fachkräfte – Ergonomie wird somit zum Wettbewerbsvorteil. Aber was wünscht sich ein Wirtschaftsunternehmen neben zufriedenen Mitarbeitern und qualifizierten Bewerbern? Mehr Produktivität bei geringeren Kosten. Tatsächlich bringt Ergonomie wirtschaftliche Vorteile. Denn stimmt das allgemeine Wohlbefinden, beeinflusst das die Motivation jedes einzelnen Mitarbeiters enorm. Ausstattung und Atmosphäre steigern Konzentration sowie Kreativität und führen im weiteren Verlauf zu mehr Effizienz.

Wie sich dagegen mangelnde Ergonomie auswirkt, belegen Zahlen: Laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin belief sich 2015 der Verlust an Arbeitsproduktivität aufgrund von muskuloskelettaler Erkrankungen auf 24,9 Milliarden Euro. Hinzukommen laufende Fixkosten, die auch während der Abwesenheit der Arbeitnehmer anfallen: Ein Arbeitnehmer mit einem Bürojob kostet im Schnitt etwa 60.000 Euro jährlich – ob anwesend oder nicht. Wenn er nur 3,5 Tage im Jahr – das ist die durchschnittliche durch Rückenschmerzen bedingte Abwesenheitsrate – fehlt, kostet das den Arbeitgeber 955 Euro, ohne dass er dafür einen Beitrag zur Wertschöpfung erhält. Ein Verlust, der mit einfachen Mitteln vermeidbar ist.

Ein ergonomischer Bürostuhl ist dabei natürlich ein Anfang. Ergonomie umfasst aber viel mehr als die richtigen Möbel. Nicht umsonst spricht man von der Wechselwirkung zwischen Mensch und gestalteter Umwelt. Laut Winston Churchill formen wir zunächst unsere Gebäude und anschließend formen sie uns.

SOZIALE ERGONOMIE IST KULTURFRAGE

Um alle Bestandteile der Arbeitsumwelt zu erfassen, unterscheidet Ergonomie zwischen immateriellen und materiellen Faktoren. Angefangen bei der Unternehmenskultur als immaterieller Faktor: Kultur lässt sich nicht bei Amazon kaufen und per Plug-and-Play im Arbeitsalltag integrieren. Sie entsteht durch Menschen, Gewohnheiten, moralische Vorstellungen und Traditionen. Dabei spielen gewisse Leitlinien, die bewusst gewählt wurden, und entsprechende Multiplikatoren, die diese Werte ins Unternehmen tragen, eine wichtige Rolle. Aber am Ende trägt jeder einzelne zu einer angenehmen Arbeitsatmosphäre bei. Indem sich Kollegen und Vorgesetzte untereinander mit Respekt und Wohlwollen begegnen, ein kultiviertes Miteinander pflegen und für faire Arbeitsbedingungen sorgen. Außerdem wollen sich Arbeitnehmer persönlich entfalten können und mit angemessenen Aufgaben beauftragt werden, die nicht überfordern, sondern fördern.

EIN RAUM MIT PERSÖNLICHKEIT

Hinzu kommen die materiellen Faktoren, die erstens die Atmosphäre des Arbeitsumfelds und zweitens die Gestaltung des Arbeitsplatzes betreffen. Ein ergonomisches Umfeld berücksichtigt allgemeine Wohlfühlfaktoren im Büro und bezieht zentrale Gestaltungsmittel mit ein. Zum Beispiel schaffen harmonisierende Farben, Formen und Materialien – aber auch Pflanzen – ein angenehmes Ambiente. Auch wenn der Mensch es nicht bewusst wahrnimmt, hat das einen starken Einfluss auf das Wohlbefinden. Gleiches gilt für optimale Licht- und Klimaverhältnisse sowie für Akustik und Lautstärke. All das wirkt sich darüber hinaus auf die Konzentration und die Kommunikation aus. Auch die Raumpsychologie spielt eine Rolle: Ist das Büro zum Beispiel klar strukturiert und vermittelt Ruhe? Und wie viel persönlicher Raum steht den einzelnen Mitarbeitern zur Verfügung? Vielen Arbeitnehmern ist es auch wichtig, ihr Büro oder ihren Arbeitsplatz beispielsweise mit Fotos und Dekoration mitzugestalten, um ihre Persönlichkeit wiederzufinden.

LAUFEN, STEHEN, SITZEN: DER RICHTIGE BEWEGUNGS-MIX

Zurück zum Bewegungsapparat. Wollen Arbeitnehmer diesen schonen und fit bleiben, sollten sie sich an eine simple Formel halten: 10 Prozent Laufen, 30 Prozent Stehen und 60 Prozent Sitzen an einem typischen Tag im Büro. Das Laufen lässt sich im Grunde ganz einfach in den Büroalltag integrieren – schwierig ist hier eher, die notwenige Bewusstseins- und Verhaltensänderung hinzubekommen. So sollte jeder Arbeitnehmer von sich aus aktiv Bewegung einbauen. Zum Beispiel mit dem Gang zum bewusst entfernt positionierten Drucker, zum Briefkasten oder zum Kaffeeautomaten. Statt den Kollegen ein paar Räume weiter anzurufen, schaut man einfach persönlich vorbei. Und für ein etwas längeres Gespräch verabredet man sich für einen inspirierenden Spaziergang um den Block.

Um häufiger zu stehen, bietet sich die Investition in einen höhenverstellbaren Bürotisch an. Wer immer mal wieder in dieser Position arbeitet, nimmt mit seinem Körper einen andere Haltung ein und entlastet Muskeln, Bandscheiben und Bänder. Außerdem kommt beim Stehen der Blutkreislauf in Schwung, was Kreativität und Konzentration fördert.

Ums Sitzen kommt man bei einem Bürojob natürlich dennoch nicht herum. Das lässt sich mit einem ergonomischen Stuhl allerdings optimieren. Der sollte eine gesunde Körper- und Arbeitshaltung ermöglichen und sich perfekt an die Körpermaße des einzelnen Mitarbeiters anpassen lassen. Darüber hinaus sollte der Stuhl durch die entsprechende Mechanik und ein ausgefeiltes Sitzsystem dafür sorgen, dass Skelett und Muskulatur an richtiger Stelle unterstützt werden.

Ergonomie hat zahlreiche Berührungspunkte im Büroalltag. Einige sind mit mehr, andere mit weniger Aufwand verbunden. Der Arbeitgeber kann dabei für die richtigen Rahmenbedingungen sorgen – etwa mit den richtigen Büromöbeln. Verantwortung hat aber auch jeder einzelne Arbeitnehmer, der durch sein bewusstes Verhalten maßgeblich zur eigenen Gesundheit beiträgt.