Wenn ergonomisch draufsteht, aber nicht drin ist

DIE INNEREN WERTE ZÄHLEN


Die Natur hat den menschlichen Körper eigentlich für eine Menge Bewegung ausgelegt. Denn die war im Laufe der Evolution enorm wichtig, um das Überleben zu sichern. Heute ist davon häufig nicht mehr viel übrig. Menschen mit Bürojob verbringen bis zu 73 Prozent ihrer Arbeitszeit sitzend am Schreibtisch, so der Report „Wie gesund lebt Deutschland?“, der 2016 von der Krankenkasse DKV und der Sporthochschule Köln veröffentlicht wurde. Hinzu kommt: Menschen sitzen nicht nur während der Arbeit. Sie sitzen immer häufiger auch am Abend und in ihrer Freizeit. Stuhl, Sessel und Sofa sind zu treuen Begleitern geworden.

Das ist nicht gut, sagen Mediziner. Sitzenbleiber riskieren ihre Gesundheit erheblich. Neben den Klassikern wie Rücken- und Nackenbeschwerden, die oft Ursache für Kopfschmerzen sind, steigt durch die mangelnde Bewegung auch die Gefahr für Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes und sogar Krebs. Was so für jeden einzelnen zu einem ernstzunehmenden Thema wird, ist auch für die Arbeitgeber ein Problem. Denn als Folge der Beschwerden der Arbeitnehmer sinkt die Effizienz des gesamten Unternehmens, während die Kosten steigen.

ERGONOMISCH IST NICHT GLEICH ERGONOMISCH

Daran, dass zum Bürojob das Arbeiten im Sitzen gehört, lässt sich nicht grundsätzlich etwas ändern – auch wenn es sinnvoll ist, hin und wieder im Stehen auf den Bildschirm zu schauen und ab und zu ein paar Meter zu laufen. Schon seit einiger Zeit geht die Ergonomie verstärkt der Frage nach, wie gesünderes Sitzen möglich ist. Ergonomie – das ist die Wissenschaft, die sich damit befasst, wie sich das Arbeitsumfeld so gestalten lässt, dass es die körperliche, psychische und soziale Gesundheit fördert.

Ganz grundlegend für gesünderes Sitzen: Jeder einzelne sollte immer wieder seine Sitzhaltung kontrollieren und diese bei Bedarf korrigieren – aufrecht sitzen ist das Credo. Unterstützen – oder besser: Stützen – kann dabei ein echter ergonomischer Stuhl. Was bedeutet aber ergonomisch genau? Das ist nicht so einfach zu beantworten. In der Wissenschaft gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. Und auch viele Bürostuhl-Hersteller verfolgen eine eigene Sitzphilosophie.

1. DIE RICHTIGE SITZNEIGE – SPIELRAUM JA, ABER BEGRENZT

So gelten zum Beispiel Sitzbälle und Pendelhocker als gesundheitsfreundlich, weil sie durch die Instabilität des Sitzes und die fehlende Rückenlehne die Rückenmuskulatur aktivieren und stärken. An dieser Idee orientieren sich auch Bürostühle mit 360-Grad-beweglichen Sitzflächen, die in den letzten Jahren den Markt dominiert haben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber die Sitzdauer. Denn was für kurzfristiges Sitzen gilt, muss nicht für Menschen richtig sein, die acht Stunden am Tag sitzen.

Tatsächlich geht man heute davon aus, dass zu viel Neigungsspielraum bei langem Sitzen den Körper überfordert – vor allem das seitliche Kippen wird kritisch gesehen. Wer dauerhaft schief sitzt, eignet sich eine fehlerhafte und ungesunde Haltung an. Und das kann auf lange Sicht zu gesundheitlichen Schäden führen. Daher ist für Langzeitsitzer die geführte Dynamik des Sitzes ausschließlich nach vorn zielführender, weil das der natürlichen Bewegungsrichtung folgt. Auf diese Weise ändert sich beim Vorbeugen die Sitzhaltung, der Sitzwinkel – das heißt der Öffnungswinkel zwischen Rumpf und Beinen – vergrößert sich. Das wirkt druckentlastend und führt außerdem zu einer gezielten Beckenrotation und Aufrichtung der Lendenwirbelsäule in ihre natürliche S-Form.


2. EIN BEWEGLICHER RÜCKEN – FÜR EINE AKTIVE HALTUNG

Menschen neigen beim Sitzen dazu, früher oder später den Rücken rund zu machen und hängen zu lassen, weil das die Muskulatur weniger beansprucht. Die Bandscheiben leiden allerdings sehr unter dieser Bequemlichkeit, der Rücken nimmt vor allem bei Langzeitsitzern Schaden. Daher rückt seit einigen Jahren auch der Rücken stärker in den Fokus. Einige Hersteller beschäftigen sich intensiv mit dem Aufbau der Rückenlehne, die im besten Fall nicht komplett starr, sondern teilweise beweglich ist und sich ständig der aktiven Haltung des Oberkörpers anpasst. Das heißt: Sie unterstützt dort, wo Unterstützung gebraucht wird – hauptsächlich entlang der sensiblen Lendenwirbelsäule – und lässt Beweglichkeit im Brust- und Schulterbereich zu, um bestimmte Muskeln zu aktivieren, ohne dabei die Haltung zu schädigen. Der Oberkörper kann rotieren. Er kann sich wie im Gehen frei nach links und rechts bewegen, die Hüfte dagegen bleibt stabil.

3. DYNAMISCH SITZEN – KOMBINATION AUS STÜTZUNG UND FREIRAUM

Ob vorgebeugt, zurückgelehnt oder aufrecht – ein ergonomischer Stuhl sollte den Körper stets in seiner natürlichen Haltung unterstützen. Und das betrifft nicht nur die Wirbelsäule, sondern auch das Becken. Stühle mit Synchronmechanik sind in der Lage, Bewegung zuzulassen, ohne die Form der Wirbelsäule zu verändern – wie bei einem S-förmigen Scharnier mit dem Becken als Gelenk. Der Öffnungswinkel zwischen Oberschenkel und Oberkörper ist die einzige Variable.

Dieses Prinzip nennt man dynamisches Sitzen. Es ermöglicht den Nutzern, die gesamte Sitzhaltung zu variieren, also zwischen aufrechtem und zurückgelehntem Sitzen zu wechseln: Wird der Oberkörper zurückgelehnt, gehen auch Rückenlehne und Sitz zurück. Untersuchungen zeigen, dass sich der Bandscheibendruck in dieser Position stark reduziert. Manche Stühle erkennen heute sogar das Gewicht des Nutzers automatisch und stellen dann den Gegendruck der Rückenlehne von selbst richtig ein.

4. DIE PERFEKTE EINSTELLUNG – DER MENSCH ALS VORLAGE

Drei wesentliche Aspekte sollten ergonomische Stühle also erfüllen. Zum gewünschten Effekt führt das aber nur, wenn sich die Stühle auch perfekt auf die Körpermaße der jeweiligen Nutzer anpassen lassen. Entscheidend bei ergonomischen Stühlen ist daher, dass sie sich der Anatomie des menschlichen Körpers anpassen. Sitzhöhe, Sitztiefe, Rückenhöhe, Armlehnenhöhe und Armlehnenbreite sollte sich möglichst individuell einstellen lassen. Wichtig ist zum Beispiel die richtige Sitzhöhe: Ober- und Unterschenkel sollten beim Sitzen einen rechten Winkel formen und die Füße sollten den Boden berühren.

Es läuft also alles auf eines hinaus: Aktives Sitzen ist heute ein vielversprechender Ansatz, um dem Bewegungsmangel zu begegnen – mit Stühlen, die ein größtmögliches Maß an Aktivität auch im Sitzen zulassen. Denn so werden kontinuierlich unbewusst kleine Bewegungen durchgeführt. Der Effekt: Die Rumpfmuskulatur wird gestärkt, die stabilisierende Kraft bleibt erhalten und die Bandscheiben werden entlastet. Und genau hier liegt der zentrale Unterschied zwischen ergonomischen und herkömmlichen Bürostühlen: Ergonomische Stühle lassen Bewegung nicht nur zu, sondern regen sie sogar an. Intuitiv und nach den Vorgaben der Anatomie des Menschen.

GESUNDES SITZEN BEGINNT IM KOPF

Wer für sich den richtigen Bürostuhl finden möchte, sollte beim Kauf unbedingt auf die genannten Aspekte achten und sich die Funktionen der infrage kommenden Modelle genau erklären lassen. Der schnelle Vergleich von Stühlen nur nach Optik oder Preis ist schnell wie der sprichwörtliche Vergleich von Äpfeln und Birnen: Er führt zu nichts. Hilfreich dabei sind Gütesiegel. Sie geben einen ersten Hinweis darauf, ob ein bestimmter Stuhl ergonomische Kriterien erfüllt. Das Siegel „TÜV-Ergonomie geprüft“ garantiert zum Beispiel, dass der Bürostuhl den Mindestanforderungen an Sicherheit, Gesundheit und Sitzergonomie gerecht wird.

Mit dem richtigen Stuhl und eigener Initiative ist es möglich, das für viele unvermeidliche Sitzen gesünder zu gestalten. Immer mal wieder im Stehen zu arbeiten und ab und zu ein paar Meter im Büro zu gehen, ist ebenfalls empfehlenswert. Und wenn dann manche Abende auf dem Sofa durch ein paar Stunden beim Yoga oder Joggen ersetzt werden, bleiben auch Büro-Menschen lange fit. Das ist alles leicht umzusetzen – man muss es nur machen. Und deshalb beginnt gesundes Sitzen letztlich auch im Kopf.